Zugegeben: Manche deutsche Redewendungen sind übertrieben, seltsam oder sogar leicht verstörend.
Aber genau deswegen lieben wir die deutsche Sprache doch so sehr. Oder? 🥰
Denn unsere Sprache ist einfach so viel mehr als das, was im Duden steht. Sie besteht aus Bildern, Geschichten, Gefühlen und jahrhundertealten Spuren. Von Menschen, die schon lange vor uns mit ihr gedacht, gesprochen und gefühlt haben.
Und genau deshalb fühlt sich Deutsch manchmal komplett wild und gleichzeitig wunderschön an.
Klappe zu, Affe tot
= Ende der Diskussion
Die Redewendung meint: „Das Thema ist beendet.“ Die Geschichte dahinter? Deutlich düsterer.
Der Ausdruck soll aus der Zirkuswelt stammen. Früher wurden kleine Affen als Attraktion in Kisten oder hinter Klappen gezeigt. Starb das Tier, blieb die Klappe geschlossen und die Vorstellung war vorbei.
Ziemlich makaber für eine Redewendung, die heute viele Menschen einfach nebenbei benutzen. Oder?
Auf dem Zahnfleisch kriechen
= Völlig erschöpft sein
Jemand ist so fertig, dass offenbar nicht einmal mehr genug Energie zum normalen Gehen übrig ist.
Stattdessen robbt die Person halb tot über den Boden. Und das nicht einmal auf den Knien, sondern direkt auf dem Zahnfleisch. (Was passiert dabei dann eigentlich mit den Zähnen?)
Deutsch hätte auch einfach „erschöpft“ sagen können. War aber offenbar nicht dramatisch genug.
Hals- und Beinbruch
= Viel Glück
Man möchte jemandem Glück wünschen und sagt stattdessen etwas, das klingt wie der Beginn eines Unfallberichts.
Die Redewendung stammt vermutlich vom jiddischen „hatslokhe un brokhe“ ab. Ursprünglich geht der Ausdruck auf das Hebräische „hazlacha uwracha“ zurück und bedeutet „Erfolg und Segen“.
Daraus wurde im Deutschen dann aber offenbar irgendwann „Hals- und Beinbruch“.
Eine maximal fragwürdige Form von Zuspruch.
Den Löffel abgeben
= sterben
Bei dieser Redewendung hat die deutsche Sprache den Tod mal eben in etwas verwandelt, das klingt wie das Ende des Mittagessens.
Eine verbreitete Erklärung dafür: Früher hatte jeder seinen eigenen Löffel. Starb jemand, wurde er weitergegeben.
Jemandem etwas aus der Nase ziehen
= Informationen nur mühsam bekommen
Diese Redewendung beschreibt das Gefühl eines extrem anstrengenden Gesprächs: Man fragt. Und fragt. Und fragt …
Und jede einzelne Information muss offenbar mit Gewalt aus einer Person herausgezogen werden.
Aber warum ausgerechnet aus der Nase? Das weiß wahrscheinlich niemand so genau.
Die Flinte ins Korn werfen
= aufgeben
Deutsch liebt Redewendungen, die plötzlich komplett eskalieren. Denn eigentlich wollte man ursprünglich nur sagen: „Ich gebe auf.“
Stattdessen entsteht vor dem inneren Auge ein dramatischer Film: Jemand wirft mitten auf einem Feld seine Waffe weg und ergibt sich seinem Schicksal.
Finden wir das ein kleines bisschen übertrieben? Vielleicht. Zeigt es gleichzeitig, wie schnell unsere Sprache ein ganzes Bild im Kopf entstehen lässt? Oooh ja.
Blut und Wasser schwitzen
= Große Angst haben
Wenn man diese Redewendung wortwörtlich nimmt, klingt sie eher nach einer medizinischen Katastrophe.
Gemeint ist aber extreme Angst oder enormer Stress. Und trotzdem verstehen wir sofort das Gefühl dahinter.
Das zeigt, wie faszinierend unsere Sprache ist. Manchmal transportiert ein völlig absurdes Bild mehr Gefühl als jede sachliche Erklärung.
Die Redewendung geht übrigens auf die Bibel zurück. Laut Lukasevangelium hatte Jesus im Garten Gethsemane so große Angst, dass sein Schweiß wie Blut auf die Erde tropfte.
Das passt wie die Faust aufs Auge
= etwas passt perfekt zusammen
Das Verrückte daran: Ursprünglich meinte die Redewendung wohl genau das Gegenteil. Schließlich passt eine Faust natürlich überhaupt nicht gut zu einem Auge.
Die Redewendung wurde allerdings irgendwann so häufig ironisch verwendet, dass sich die Bedeutung komplett gedreht hat.
Haare auf den Zähnen haben
= sich ziemlich streitbar behaupten
Haare gehören an ziemlich viele Stellen. Auf die Zähne aber eher weniger.
Trotzdem benutzen wir diese Redewendung für Menschen, die sich behaupten können, schlagfertig sind und sich nicht so leicht einschüchtern lassen.
Früher wurde der Ausdruck übrigens vor allem für Frauen verwendet, die als „zu direkt“, „zu laut“ oder „zu unbequem“ galten.
Heute passt die Redewendung besonders gut zu Personen, die sich nichts gefallen lassen.
Ein Auge auf jemanden werfen
Es könnte eine ziemlich romantische Redewendung sein. Bis man darüber nachdenkt, was da eigentlich sprachlich passiert:
Streng genommen wirft hier gerade jemand ein komplettes Auge durch die Gegend.
Gemeint ist aber natürlich, dass jemand eine andere Person interessant findet oder Gefühle für sie entwickelt.
Sagen wir so: Die Bedeutung ist definitiv schöner als das Bild im Kopf.
Das Herz auf der Zunge tragen
= Gefühle sehr offen zeigen
Anatomisch betrachtet sollte das Herz wirklich an einem ganz anderen Ort bleiben.
Bei der Redewendung geht es aber darum, dass jemand sehr direkt über Gefühle, Gedanken und Emotionen spricht und offen zeigt, was in ihm vorgeht.
Und genau das macht diese Redewendung so spannend: Die Formulierung ist komplett absurd und gleichzeitig erstaunlich treffend.
Jemandem ist eine Laus über die Leber gelaufen
= jemand ist schlecht gelaunt
Warum läuft überhaupt irgendetwas über eine Leber? Und warum ausgerechnet eine Laus?
Der Hintergrund ist uralt. Früher galt die Leber als Sitz der Gefühle und des Temperaments. Wenn dort also etwas „nicht stimmt“, verändert sich auch die Stimmung eines Menschen.
Die Laus wiederum stand schon damals für etwas Kleines, Nerviges und Unangenehmes.
Zusammen ergibt das ein winziges Ärgernis mit maximal schlechter Laune als Folge.
Fazit.
Ja, deutsche Redewendungen sind manchmal echt seltsam.
Sie sind manchmal makaber und manchmal so bildhaft, dass man sie besser nicht zu genau vor dem inneren Auge abspielen sollte.
Gleichzeitig liegt genau darin ihr Reiz.
Sie zeigen, wie viel Geschichte, Gefühl und Sprachfantasie in ganz alltäglichen Formulierungen steckt. Wir benutzen sie oft nebenbei, ohne darüber nachzudenken, was wir da eigentlich sagen. Sobald man genauer hinsieht, wird aus einem einfachen Satz plötzlich ein kleines Stück Sprachgeschichte.
Vielleicht ist Deutsch deshalb manchmal anstrengend. Aber eben auch herrlich eigen, überraschend und wunderschön. ♥️
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